Globale Soziale Rechte
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"Mut und Wut erzeugen ..."

Was macht uns krank? - Erste Befragungen gestartet ...

Offenes Austauschtreffen am 12. Juli in Frankfurt

Die Befragungsrunden der GSR-Initiative sollen interaktiv sein, die Beteiligten zur Mitgestaltung bewegen, ihre häufig individualisierten Leiden als kollektive Erfahrung spürbar machen und insofern »Wut und Mut erzeugen«. Der unmittelbare Anspruch zielt also auf Selbstermächtigung bzw. Empowerment. Was einem besseren Leben im Weg steht, soll parallel in verschiedenen sozialen Feldern über gesundheitliche Probleme zur Sprache gebracht werden. Einerseits werden Gruppengespräche geführt in der Tradition des »Motivational Interviewing«, das davon ausgeht, dass die Quelle und Motivation für Veränderungen bei den Betroffenen selbst liegt. Andererseits kommen Methoden des Gesundheitsmappings zum Einsatz. Dieses beginnt in der Regel mit großen Körperbildern, die an der Wand befestigt werden und auf denen die Beteiligten zunächst ihre Schmerzpunkte selbst lokalisieren sowie sich gegenseitig erläutern können. Darüber ins Gespräch gekommen, geht es in nächsten Schritten um Gemeinsamkeiten, um Ursachen und um kurz- wie auch längerfristige Veränderungsvorschläge.

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte«, so lautet der Titel eines Leitfadens von TIE (einem weltweiten Netzwerk linker GewerkschafterInnen), der sich nicht nur auf zahlreiche positive Erfahrungen bei Beschäftigten in hiesigen Industriebetrieben bezieht. Das Gesundheitsmapping, das vor allem in Kanada und Brasilien entwickelt wurde und sich dort als gewerkschaftliche Organisierungsmethode bewährt hat, findet mittlerweile auch in  afrikanischen Ländern Nachahmung. Und in us-amerikanischen Worker-Centers – jenen meist außergewerkschaftlichen Anlaufstellen für prekäre ArbeitsmigrantInnen – wird das Mapping ebenfalls erfolgreich für Empowerment-Prozesse eingesetzt: Es gehört dort zum »holistic approach«, also einer »ganzheitlichen« Herangehensweise, die unter anderem über Gesundheitsfragen die Ausbeutungs- und Aufenthaltssituation der MigrantInnen problematisiert und kollektive Veränderungsprozesse in Gang zu bringen versucht.

Zurück zum angelaufenen GSR-Projekt: Hier sind zunächst Klinikbeschäftigte, LehrerInnen und StudentInnen, SeniorInnen in einem Wohnheim, Flüchtlingsfrauen und migrantische LandarbeiterInnen die Zielgruppen der »Was macht uns krank?« - Befragung. Das bisherige ›Diskursprojekt‹ GSR sucht damit »den Sprung ins Praktische«: Eine neue Erdung in unterschiedlichen lokalen oder betrieblichen Auseinandersetzungsfeldern, die anschließend in einem übergreifenden Austausch und womöglich sogar in einer gemeinsamen Kampagne zusammengeführt werden sollen. Denn die Herausforderung besteht nicht allein darin, gegen die Vereinzelung, Depression und Ohnmacht Selbstermächtigungsprozesse zu befördern, sondern auch über die jeweiligen Partikularinteressen hinauszugehen, das heißt mit anderen sozialen Realitäten und Widerständigkeiten in Kommunikation zu treten. Die Befragung »Was macht uns krank?« könnte sich insofern als Katalysator entpuppen, um Cross-Over-Prozesse anhand des immer wichtigeren Themenfeldes »Gesundheit« neu anzugehen – und somit als konkretes und exemplarisches Feld für die Weiterentwicklung von Kämpfen für globale soziale Rechte, worin letztlich die einzig angemessenen Antwort auf die globale Krise und ihre Spaltungslinien liegt.

Über weitere Schritte soll sich in einem offenen Austauschtreffen am 12. Juli 09 in Frankfurt verständigt werden. Auch TIE,  medizinische Flüchtlingshilfen sowie weitere „neue“ Interessierte aus dem Pflege- und Gesundheitsbereich haben zugesagt mitzudiskutieren, ob und wie sich verschiedene Ansätze und Erfahrungen aufeinander beziehen und womöglich in einer übergreifenden Kampagne bündeln lassen.

Zwischenbilanz und praktische Perspektiven

Nach Veranstaltungen in neun Städten ist die erste Runde der „Globale Soziale Rechte on Tour“ Anfang Juni ausgelaufen. Debatten zum Thema gab es auch auf dem Dortmunder BUKO, der Offenen Arbeitskonferenz der Interventionistischen Linken in Marburg sowie der Sommerakademie von attac in Leipzig. Insgesamt jedenfalls reichlich „Futter“ für eine Zwischenbilanz, in der es dann – wenn die Initiative oder Kampagne um Globale Soziale Rechte weitere Dynamik gewinnen will - auch um die weiteren praktischen Bezugspunkte und Perspektiven gehen muss. Wir wünschen und suchen natürlich eine weitere Verbreitung und Vertiefung des spektrenübergreifenden Diskurses, seiner Spannungsfelder und inhaltlichen Verbindungslinien. Deshalb wird es einerseits auch in Zukunft lokale Veranstaltungen geben (wie aktuell die Rundreise über Migrantische und Arbeitskämpfe in den USA mit Xiomara Corpeno - siehe Termine), zum anderen wollen wir die Debatten auf dem Europäischen Sozialforum im September in Malmö auch auf das transnationale Parkett bringen.

... Sprung ins Praktische ...

Im Initiativkreis sind wir uns allerdings auch einig, dass wir zugleich den Sprung ins Praktische wagen müssen, möglichst mit einem Projekt, das von allen Beteiligten gleichermaßen mitgetragen werden kann und will. Der Bezug auf Globale Soziale Rechte diente im August zwar als inhaltliche Verknüpfung, als sich in Hamburg AntiRa- und Klimabewegte zum aktionistischen Doppelcamping trafen. Und sie sollen auch in einer hofentlich anlaufenden Kampagne gegen Supermärkte eine (Hintergrund-)Rolle einnehmen. Doch in diesen Ansätzen sind (jedenfalls bislang) immer nur einzelne Akteure des Spektrums aktiv, während sich eine Projektidee zunehmend als potenziell „Gemeinsame“ herausschält: eine aktivierende Befragung (von einigen auch als militante Untersuchung bezeichnet) im Feld der Gesundheit.

Was macht uns krank?

Unter der im wörtlichen, mehr aber im übertragenen Sinn zu verstehenden Leitfrage „Was macht uns krank?“ ließen sich jedenfalls aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Zugängen die Lebens- und Arbeitsverhältnisse ins Visier nehmen, die einem guten Leben entgegenstehen. Insofern wird aus der Initiativgruppe diese Idee als gemeinsamer praktischer Bezugspunkt für die fortgesetzte Auseinandersetzung um Globale Soziale Rechte favorisiert und das Befragungsprojekt wurde auf einigen Veranstaltungen bereits ansatzweise zur Diskussion gestellt. In den kommenden Wochen soll dieser Vorschlag mit Gruppen und Einzelpersonen, die auf den Veranstaltungen schon ihr Interesse signalisiert haben, weiter ausgearbeitet werden. Davon ausgehend ist beabsichtigt, in Kürze ein Konzept für dieses längerfristig angesetzte Projekt vorzustellen, mit dem die bisherigen Debatten um Globale Soziale Rechte eine konkrete praktische Umsetzung erfahren sollen.